Hemmungs:los

Daniel Pfluger ist der Regisseur des Projekts. Natürlich haben wir auch ihm ein paar Fragen zu Strawinsky:animated gestellt.

 

Was hat dich dazu bewogen, Regisseur des Projekts Strawinsky:animated – Die Geschichte vom Soldaten zu werden?

Am meisten interessiert mich an dem Projekt, dass die Inszenierung keine klassische Nacherzählung der Geschichte sein sollte. Vielmehr sollen mit den Darstellungswelten Imaginationsräume geöffnet werden, so dass die Emotionen, die diesem Stück zugrunde liegen, die Menschen heute aufs Neue berühren können.

 

Du bist ja erst im Januar 2013 dazu gekommen? Wie kam das?

Als ich kam, war die Geschichte durch Steven konzeptionell angerissen, das Animationsteam hatte schon mehrere Entwürfe erstellt und der örtliche Rahmen war festgelegt. Der Grund, warum ich kam, war, dass sie gemerkt hatten, dass sie jemanden brauchten, der die Koordination von Außen übernimmt, ein übergreifendes Konzept entwickelt, und Erfahrung mit der Arbeit mit Schauspielern und Musikern besitzt.

 

Hattest du schon Erfahrungen mit dem Medium der Animation?

Ich habe schon in früheren Projekten mit dem Medium Erfahrungen gemacht. Neu war die Größenordnung des Einsatzes der Animation. Auch die Sache alles selbst zusammen mit Animationsleuten zu konzipieren, es vorher nur im Kopf zu kreieren und Entscheidungen zu treffen; noch bevor eine einzige Probe stattgefunden hatte oder ich die Musik einmal live gehört hatte; bevor ich überhaupt wusste, wer es spielen wird, wie und wo er es spielen wird. Das war wirklich faszinierend und spannend. Und ich bin zum Glück auf ein fantastisches Team mit Johannes und Viktor von motionfruit gestoßen.

 

Was waren deine ersten Schritte?

Zu diesem Zeitpunkt waren schon viele Animationssequenzen da, aber alle waren eher unglücklich damit, weil das passiert war, was keiner gewollt hatte – nämlich, dass die Geschichte quasi bebildert worden war. Allerdings bereichert eine reine Bebilderung ja in keinem Sinne die Geschichte.

 

Was habt ihr dann gemacht?

Es war leider so, dass wir einen Großteil der Entwürfe überwerfen mussten. Das war bestimmt ein harter Moment für das Animationsteam; aber im gleichen Augenblick auch ein Startschuss für unsere gemeinsame konzeptionelle Arbeit.

Dann ergab eines das andere. Nachdem ich aus den bestehenden Entwürfen drei Grundästhetiken ausgewählt hatte ­– darunter diese ganz schlichten Symbole (Dreieck, Viereck und Kreis) – folgten die Fragen: Wie spielt man damit?… Wie bekommt man diese verschiedenartigen Welten übereinander?… Was können sie bedeuten?… Wie bekommt man diese Geschichte auf eine abstrakte Ebene und gleichzeitig wieder nah?…

Wie kann man dieser Symbolwelt auch eine Leichtigkeit geben?… Wie kann man damit Spaß vermitteln?… Wie schafft man es, dass der Zuschauer für diese einfachen, aber auch humorvollen Figuren auch eine Sympathie entwickelt?

 

Was ist für dich das Besondere am Projekt Strawinsky:animated?

Auf jeden Fall die drei Medien: zum einen die Präsenz eines Schauspieler, dann die Narration und Gewalt einer fantastischen Musik und auch die Animation. Alle Welten sollten sich im Idealfall gegenseitig befruchten und bereichern und dem etwas entgegenstellen, was das andere Medium nicht zeigen kann. Dementsprechend war klar, dass die Leinwand mit der Animation etwas transparent machen, vergrößern,erhöhen soll, was der Schauspieler in den Raum gesetzt hat.

Und so ist es auch. Plötzlich wächst etwas im Hintergrund zu einer gigantischen Animation heran, welche, bestärkt durch den Rhythmus der Musik, mein eigenes Herz schneller schlagen lässt, mich für einen Moment atemlos hinterlässt, um mich dann erneut weiter zu treiben.

Bildwelt, Gefühlswelt, Musikwelt – alles arbeitet Hand in Hand, manchmal auch bewusst gegeneinander, um abermals zusammen zu finden… die Kunst der Manipulation.

 

Wie verstehst bzw. interpretierst du denn „Die Geschichte vom Soldaten“?

Die Geschichte ist für mich eine Parabel über die menschliche Gier. Der Teufel ist da eine Übersetzung für die Versuchung des leichten Lebens.

Die Geschichte zeigt, dass der Soldat nur in den Momenten vom Teufel eingeholt und gefangen werden kann, wenn er eine Gier entwickelt. Natürlich ist der Teufel unglaublich klug und subtil im Fallen stellen… wo man dann denkt, da wäre ich vielleicht auch darauf hereingefallen…

Dieser Aspekt war mir wichtig, zu behandeln – auch wenn ich darauf keine Antwort habe. Ich glaube, der Mensch ist an sich ein gieriges Wesen, das immer alles haben möchte. Die Geschichte erzählt also davon, dass man, wenn man zu gierig ist, am anfälligsten ist, von der Versuchung erledigt zu werden.

 

Wie hast du das in der Inszenierung umgesetzt?

Mir war wichtig, in dem intimen Setting, in dem wir uns mit den Musikern auf der Bühne und der Nähe zum Publikum befinden, zunächst auf die konzertante Situation einzugehen.  Es wirkt zu Beginn wie eine szenische Lesung, begleitet durch Musik und Animation. Alles ist leicht und lustvoll. Dann wird die Versuchung des Teufels auch die Versuchung der Inszenierung.  Das Publikum wird unterhalten, gelockt, umgarnt,  sich einzulassen und ganz subtil in Abgründe mit zu ziehen… dann wieder in Leichtigkeit zu verfallen, genau wie der Soldat auch leicht und befreit wird… bis man hoffentlich dem Spiel des Schauspielers und der Inszenierung hemmungslos verfallen ist. Ganz langsam driftet es in einen Albtraum, einen Psychotrip ab. Dabei kann man gar nicht genau nachvollziehen, wo die Grenze war.

 

Also kein Happy End?

Wir wollen hier ja nicht zu viel verraten. Nur soviel: es besitzt sicherlich ein Augenzwinkern und es ist ein Ende, das einem irgendwie auch eine diebische Lust bereiten kann. Zumindest hoffe ich das.

 

In wie weit hast du dich und deine Interpretation bei der Musik eingebracht?

Ich habe mich mit Miguel, dem Dirigenten, zweimal im Vorfeld getroffen. Wir sind alle Stücke gemeinsam durchgegangen. Miguel hat erklärt, was die einzelnen Werke erzählen. Das hat sehr bei der Interpretation geholfen.

Schließlich habe ich mir die Freiheit genommen, die Stücke entweder tautologisch – also eins zu eins – zu übernehmen (z.B. sind die großen Choräle unverändert, um ihnen Würde und Heiligkeit zu verleihen) oder beispielsweise dem Teufelstanz eine totale Absurdität mitzugeben, den er eh schon in sich trägt. Meiner Meinung nach, hat Strawinsky sein Werk selbst nicht zu heilig genommen, so dass in vielem schon ein großes Augenzwinkern von ihm drinsteckt.

 

Was ist deine Lieblingsszene?

Ich habe eigentlich keine wirkliche Lieblingsszene. Die Pastorale gefällt mir gut, da die Emotionen, die ich haben wollte, gut rüberkommen. Außerdem liebe ich die Stelle, in der der Schauspieler mit den Musikern zusammenspielt. Das ist die Szene, in der er an ihnen seine Waren feilbietet und alle so bereitwillig mitspielen. Und die Bachuferszene… ach, es gibt so viele.

Vielleicht könnte man es so sagen: Die Verkaufsszene ist spielerisch die Schönste, die Pastorale emotional am schönsten, die Maschinenwelt ist extrem aufwühlend,… musikalisch finde ich vieles total toll. Natürlich auch die „drei Tänze“…

 

Du bist also rundum verliebt?

Absolut. Es ist schwer etwas zu benennen, was mir nicht gefällt.

Und ich bin total begeistert von diesem Team. Ich hatte großes Glück, dass Johannes und Viktor vom Animationsteam, die Bilder, die ich im Kopf hatte, auch mit einer Trefferquote von nahezu 90 Prozent sofort umsetzen konnten. Und dass Uwe und Isa alles geben und gemeinsam ein perfektes Team abgeben. Es gibt praktisch keinen einzigen Dorn im Fleisch dieser Produktion. Joscha ist der Wahnsinn. Und die Musiker… eben dieser ganze „spirit“ des PODIUM Festivals. Es ist unglaublich, welches Maß an emotionaler Unterstützung man hier erfährt. Es macht allen Spaß und es freuen sich alle riesig darauf, diesen Abend dem Publikum zu schenken. Es steckt ein guter Geist in dieser Produktion.

 

 

Daniel Pfluger wurde 1980 in Böblingen geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Mannheim, wo er schon früh begann als Statist und Kleindarsteller am Nationaltheater Mannheim (ntm) zu arbeiten. Eigentlich wollte er lieber ins Schauspiel, aber da dort eher wenig Statisten gebraucht werden, wurde er häufiger in der Oper eingesetzt. Hier nahm seine Leidenschaft für Musiktheater seinen Anfang.

Später arbeitete er als Hospitant und Gastregieassistent am ntm und war schließlich von 2002 bis 2005 Regieassistent am Kinder- & Jugendtheater Schnawwl unter Andrea Gronemeyer. Im Anschluss daran begann er ein Theaterregie-Studium  an der Zürcher Hochschule der Künste, an der er 2010 seinen Master erlangte.

Er erhielt bereits mehrere Auszeichnungen und Stipendien. Momentan ist er Stipendiat der „Akademie Musiktheater heute“.

Durch sein Studium, das die Auseinandersetzung mit anderen Gattungen förderte, entwickelte Daniel eine Vorliebe für grenzüberschreitende Crossover-Projekte. Er liebt das Experiment, zwei oder mehrere Kunst-Genre in einer Inszenierung übereinander zu  legen.

 

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